Jessica Jurassica »Gaslicht«

Jessica Jurassica »Gaslicht« - Leseprobe

 

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Habe ich eigentlich bereits einmal die Geschichte erzählt, wie ich versuchte, den Jakobsweg rückwärts zu gehen? Von Bern in die Ostschweiz wollte ich wandern, nachdem ich ein paar Jahre zuvor von der Ostschweiz nach Bern gezogen war. Ich ging los, vom westlichen Ende quer durch die ganze Stadt, auf der anderen Seite aus ihr raus und schließlich an Stettlen, Vechigen, Utzigen und so vorbei und dann ins Emmental hinein. Aber nach zwei oder drei Tagen gab ich auf, mir fehlte die Kondition und die Ausrüstung. Meine Achillessehnen waren entzündet, jeder Schritt schmerzte. Knapp bis Rüegsau oder Lützelflüh hatte ich es geschafft. Ich stieg in den Zug und war in einer halben Stunde wieder in Bern.

 

Das war in jenem Sommer, an dessen Ende ich für einen kurzen Herbst in das Haus am Stadtrand zog, zwischen Bahnlinie und Autobahn, der Sommer, in dem ich meinem alten Leben endgültig den Rücken kehrte, nicht mehr zurück in die Ostschweiz schaute, geschweige denn fuhr, nur selten in das Tal, in dem ich aufgewachsen war, aber das war etwas anderes, ein Wurmloch, eine Kapsel, abgeschottet von allem, sieben Hektar Land, eingeschlossen von Bächen, Büschen, Dornenhecken und einem Waffenplatz, von dem manchmal Schüsse herüberpeitschten – der Soundtrack meiner Kindheit, aus einem Paralleluniversum, mit dem ich so ganz und gar nichts anfangen konnte. Manchmal, wenn keine Übungen waren und statt Krieg spielender Soldaten nur Schafe weideten, schlüpfte ich durch das einzige Loch in der Hecke in dieses Paralleluniversum rüber und wanderte über den weitläufigen Waffenplatz, durch Gräben und fake Häuser mit fake Fassaden und über einen verlassenen Helikopterlandeplatz.

 

Das Militär war für das Dorf eine Art Tor zur Welt, sonst kam ja niemand her, aber die Truppen kamen immer wieder, und dann teilten wir mit ihnen das Mehrzweckgebäude, in dem wir Sportunterricht hatten, in dem es dann wochenlang nach Ghackets mit Hörnli roch und in dessen Bauch die Rekruten untergebracht waren, in Bunkern, die ich nie von innen gesehen hatte, aber die manchmal in wirren, beängstigenden Träumen auftauchten. Das Militär war das Tor zur Welt auch für einige Mädchen, denen die gleichaltrigen Jungs zu jung waren und die mit knapp sechzehn, manche auch jünger, mit dreizehn sogar, erste sexuelle Erfahrungen mit den Rekruten machten, die für ein paar Wochen da in den Bunkern lebten und die abends dem Leuen, dem Ochsen, dem Rössli und der Harmonie guten Umsatz bescherten und tagsüber mit von Steuergeldern finanzierten Panzern und Lastwagen ins Tal herunterfuhren, um gleich neben dem verwunschenen Stück Land, auf dem ich meinen Dornröschenschlaf schlief, in die Talkerbe hineinzuballern, als wäre das eine ganz normale und mit gesundem Menschenverstand legitimierbare Tätigkeit.

 

Nicht einmal für M. fuhr ich noch zurück, in die Dachwohnung hinter dem Bahnhof St. Gallen, hatte ich doch nach der kurzen Zeit im Haus am Stadtrand bald selbst eine, in einer anderen Stadt zwar, aber auch unter dem Dach, auch beim Bahnhof. Einmal kam M. mich noch besuchen, es war eines der wenigen Male, in denen er in meinem Leben zu Gast war und nicht umgekehrt. Wir rauchten Joints und sprachen davon, unsere Zukunft gemeinsam zu verbringen. Danach sahen wir uns nie wieder und ich mied alles, was mit früher zu tun hatte, außer eben die von Dornen umschlossene Kapsel in dem Tal, in der ich zwanzig Jahre geschlummert hatte, ohne dass ein Prinz mich hätte retten können. Höchstens eine Prinzessin. Oder Prinz*essin, Prinx, Pringles, Princous oder Princette vielleicht? Keine Ahnung, einfach irgendetwas anderes als Typen auf Pferden oder Traktoren oder noch schlimmer: in Panzern wie drüben in dem von Männern und Männlichkeiten übersprudelnden Paralleluniversum. Aber damals existierten keine lesbischen Identitäten und schon gar keine Genderidentitäten außerhalb der binären Ordnung, jedenfalls keine, von denen ich gewusst hätte, keine, die benannt worden wären. Also existierte auch ich nur so halb und wusste nicht wohin mit meinem Körper, meinem Begehren, meiner Haut, meinem Spiegelbild, meiner Verwirrung, meinem Schmerz.

 

Ich hatte also versagt, oder vielleicht war es auch einfach eine paraphysikalische Unmöglichkeit, den Jakobsweg rückwärts zu gehen. Keine Ahnung. Die kommenden paar Jahre blieb ich jedenfalls in Bern und hatte da erst eine ziemlich gute und danach eine ziemlich beschissene Zeit. Als ich lange nach der gescheiterten Wanderung wieder in Stettlen oder Vechigen oder Utzigen landete, waren ungefähr drei gute und vier beschissene Jahre vergangen. Ich steckte in den Vorbereitungen für meine Reise nach New York und hatte ein Problem: Ich besaß keinen Koffer und hatte auch nie einen besessen. Deshalb verbrachte ich ziemlich viel Zeit damit, Größen und Modelle zu studieren, lungerte im Coop City in der Gepäckabteilung herum und erstand schließlich einen Koffer auf Ricardo.

 

An einem eiskalten Januarnachmittag fuhr ich dann Richtung Emmental, nach Stettlen, Vechigen oder Utzigen, zu einer Familie, die Koffer besaß, also zu einer Kofferfamilie – eine Mittelschichtfamilie, die sich regelmäßig Flugreisen leisten konnte und die in einem Obere-Mittelschicht-Haus auf einem Hügel lebte, von dem aus man über die verschneite Landschaft sah. Ich klingelte, der Vater öffnete und war so mittelschichtmäßig streng-nett, so wie alle Mittelschichtväter meiner Mittelschichtfreund*innen immer waren, manche mehr nett als streng, andere andersrum. Dieser hier eher auf der strengeren Seite des Spektrums. Ich hatte im Vorfeld nur mit der Mutter Kontakt gehabt, die war aber nicht da und stellvertretend war der Sohn zuständig für das Geschäft, der Vater jedenfalls gab relativ deutlich zu verstehen, dass ihn das alles nichts anginge. Der Sohn war im Teenageralter und führte mir betont seriös den Koffer vor, während ich im schummrigen Hauseingang stand und dabei so tat, als würde ich durch die angeschlagenen Brillengläser sehen und überhaupt als hätte ich irgendeine Ahnung, was ich definitiv nicht hatte, ich kaufte mir schließlich gerade mit fast dreißig meinen ersten Koffer überhaupt. Ich drückte dem Sohn schließlich eine Zwanzigernote in die Hand und machte, dass ich da wegkam. Den leeren Koffer hinter mir herziehend stieg ich den Hügel wieder runter, der ganze Weg führte an Einfamilienhäusern vorbei, sowieso schien das ganze Dorf nur aus Einfamilienhäusern zu bestehen. Es war wirklich scheißkalt und ich holte mir eine so üble Nebenhöhlenentzündung, dass tagelang nur Schleim und Eiter aus meinem Kopf herausquoll und ich bis zwei Tage vor meiner Abreise nicht daran glaubte, je wieder gesund zu werden.

 

Aber ich wurde gerade noch rechtzeitig wieder gesund. Als ich am Tag meiner Abreise nach drei Stunden unruhigem Schlaf frühmorgens aufbrach, löste sich nach fünf Metern irgendwas von einem der Räder meines Koffers, und von da an rollte er nur noch halb so gut. Ich tat trotzdem so, als hätte ich alles im Griff, als hätte ich irgendeine Ahnung von dem, was ich da tat, ließ mich durch Check-ins und Security-Schleusen treiben, aß, was mir im Flugzeug vorgesetzt wurde, ließ mich nach zehn Stunden wieder ausspucken und stellte mich in die Schlange für den Grenzübertritt, wo ich mich zwei Stunden lang von USA-Propagandavideos berieseln ließ. Die waren aber irgendwie wenig wirksam, im Gegenteil, mit jeder Wiederholung verstand ich weniger, was es nun genau mit Nationalstolz, Sicherheit und Freiheit auf sich hatte und wie diese Wörter zusammenhingen. Aber vielleicht ging es bei den Videos sowieso nur darum, einen einzuschüchtern, und um nichts anderes. Ich hatte eine Tasche umgehängt, auf der groß »MILLENNIAL« und klein »it’s my generation« draufstand, und da es keine gerade Schlange war, sondern eine, wo man sich jeweils von einer Seite zur anderen und wieder zurück bewegte, kamen mir in den Reihen links und rechts ständig Menschen entgegen, die auf diesen Millennial-Bag starrten. In der ersten Stunde cringte ich noch, aber in der zweiten gab ich mich dem Style hin.

 

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