David Signer »Das Ende der Maskeraden« - Leseprobe
Erinnerungen an X.
Vor zwei Monaten ist X. gestorben, im Alter von neunundvierzig Jahren. Man fand seine Leiche neben der Straße zum Flughafen von Bissau, der Hauptstadt des westafrikanischen Narco-Staats Guinea-Bissau. Wahrscheinlich wurde er ermordet. Warum? Keine Ahnung. Er war der freieste Mensch, dem ich je begegnet bin. Er ist schon so oft gestorben und als ein anderer wieder aufgetaucht, dass ich seinen Tod erst gar nicht ernst nahm. Er wechselte seine Identitäten, wann immer es ihm passte. Nicht, weil er Wert gelegt hätte auf sein Ich. Im Gegenteil. Er war ein Gambler, ein Trickster, ein Zauberer. Dabei wich er Problemen nicht aus. Er liebte sie.
Ich erinnere mich, wie er auf der Insel Gorée, als wir das Schiff zurück aufs Festland verpassten und kein Geld für ein zweites Ticket hatten, lachend ausrief: »Jetzt beginnen die Schwierigkeiten! Das Leben wird intensiver und kreativer angesichts von Hindernissen.«
Ja, aber dieses Mal waren sie keine Chance für Neues. Dead end, kein Spielraum mehr.
Einigen Leuten ist X. als Künstler bekannt. Wenn Galeristen Geld für seine Aktionen und Installationen bezahlten, so war ihm das recht, aber er definierte sich nicht als Künstler. Er versuchte, sich überhaupt nicht zu definieren, und schon gar nicht über Vergangenes.
Man hätte ihn einen Lebenskünstler nennen können, aber das lässt einen an Originale und Freaks denken, die sich betont nonkonformistisch geben. Er mochte keine Rolle spielen, auch nicht die des bunten Vogels. Ihm war jede Show zuwider. Auf den ersten Blick wirkte er fast unsichtbar. Er war zurückhaltend, ein wenig geheimnisvoll – ein Fremder. Seine Intensität spürte man erst, wenn man ihn kennenlernte. Eher Glut als Feuer. Er war kein Selbstdarsteller, nicht einmal eine »Persönlichkeit«. Es langweilte ihn, über sich selbst zu sprechen. Lieber tauchte er ins Leben anderer ein. Faszinierend war er durch sein Außer-sich-Sein, sein Interesse für andere, sein Fasziniertsein.
Das begann früh. Pablo, ein Mitschüler von ihm, erzählte mir, X. habe seinen Lehrer zur Weißglut getrieben, indem er dauernd Fragen stellte. Der Lehrer ertrug es nicht, einen Schüler zu haben, der sich wirklich für den Stoff interessierte.
Eigentlich war sein Name Xaver. Aber schon in seiner Jugend nannten ihn alle nur X. Ich selbst hieß Erich und heiße immer noch so.
X. lernte ich in den Achtzigerjahren in Zürich kennen. Ich studierte damals Betriebswirtschaft. Er besuchte ebenfalls hie und da Vorlesungen: Kriminalistik, Ägyptologie, Jura, Botanik, Psychologie, Ethnologie und manchmal auch Ökonomie. Eine Matura hatte er wohl nicht, er besuchte die Vorlesungen einfach so. Er wohnte in Biel, einer Schweizer Stadt an der deutsch-französischen Sprachgrenze. Was ihn dorthin führte, weiß ich nicht mehr, aber die Zweisprachigkeit gefiel ihm wohl. Leben in der Übergangszone. Er hatte sich vorher ein Jahr lang in Paris herumgetrieben und verspürte wie viele Autodidakten einen chaotischen Hunger nach Wissen. Nach meinem Uni-Abschluss fand ich eine Anstellung bei der Security-Versicherung und ging für meinen Arbeitgeber ebenfalls nach Paris, wenn auch unter anderen Umständen als X., der dort unter Punks und Clochards gelebt hatte. Dann wechselte ich in die Münchner Zentrale, während sich X. in Asien und Afrika aufhielt. Dank meiner Französischkenntnisse und meiner Vertrautheit mit dem französischen Versicherungswesen besuchte ich beruflich immer wieder Länder in Westafrika, wo ich X. gelegentlich wiedersah.
Heute wohne ich wieder in Zürich; ich habe noch promoviert, aber zu einer grandiosen Karriere reichte es nicht. Ich arbeite immer noch bei der Security, in der Abteilung Risk Management.
Manchmal lagen lange Pausen zwischen unseren Begegnungen. Wenn ich ihn wiedersah, hatte ich oft das Gefühl, einen neuen Menschen kennenzulernen. Einen Mann mit vielen Gesichtern und vielen Namen. Ich selbst bin stabiler und auch langweiliger; aber etwas verband uns, sonst hätte unsere Freundschaft nicht Jahrzehnte überdauert.
Nach X.’ Tod empfand ich das Bedürfnis, mit Weggefährten von ihm Erinnerungen auszutauschen. Beim Wühlen in alten Dokumenten las ich einige Briefe und E-Mails wieder. Ich habe versucht, aus diesen Reminiszenzen eine Gedenkschrift zusammenzustellen, einen ausführlichen Nachruf, den ich seinen Bekannten und Verwandten zukommen lasse. Es ist meine Trauerarbeit nach diesem unfassbaren Tod.
Ich fand die federleichte Prinzipienlosigkeit von X. immer cool. Aber manche fühlten sich durch diesen Schlawiner provoziert oder reagierten empört auf seine Unmoral, die jedoch eher Amoral war, mit viel Amor und jenseits von Gut und Böse.
In Abidjan lernten wir eines Abends Valérie kennen, seine spätere Frau, mit der er zwei Kinder hatte, Fabian und Joy. Es war eine On-off-Beziehung, oft wusste man nicht, ob sie noch ein Paar waren oder nicht. Am längsten lebten sie in Dakar zusammen. Ansonsten waren die Kinder zeitweise bei ihm, zeitweise bei ihr. Auch wenn er ihr nicht treu war, so war er ihr doch immer verbunden und loyal. Das galt für alle wichtigen Menschen in seinem Leben, sogar wenn sie bereits tot oder verschwunden waren wie seine frühere Freundin Flavia oder die Gelegenheitsbekanntschaft Sten. Er zitierte gerne einen Satz aus Der kleine Prinz, den er von seinem Vater hatte: »Du bist ewig für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.« Es ist seltsam, dass ihm sein Vater, der meist abwesend gewesen war und nie in X.’s Erzählungen vorkam, ausgerechnet diese Ermahnung mitgegeben hatte.
Auch ich fühlte mich X. immer verbunden, selbst wenn wir uns jahrelang nicht sahen. Ich frage mich allerdings rückblickend, ob es für ihn ebenfalls so war oder ob er mir vielleicht wichtiger war als ich ihm.
In den letzten Jahren hatte ich engeren Kontakt zu Valérie als zu X., auch weil sie, Fabian und Joy inzwischen wieder in der Schweiz lebten, so wie ich. Ich bat sie letzte Woche um ein Statement zu X., für mein Erinnerungsalbum. Dies war ihre Antwort:
Ein Tausendsassa, der eine Wand voller Ordner in einem Taschentuch verschwinden lassen konnte. Einige sagen, man habe ihn zuletzt auf dem nassen Pier am Hafen von Bissau gesehen, wie er im Nebel verschwand. Vielleicht hatte er sich mit Kokainschmugglern eingelassen, neben dem verrosteten, halb versunkenen Kahn an der glitschigen Mole. Andere sagen, er sei von den labyrinthischen Gassen in Ngor verschluckt worden, an einem Novemberabend an der senegalesischen Küste, mit einem Äffchen an der Leine, dem er folgte. Kann es wirklich sein, dass der Houdini dieses Mal nicht mehr entkam? Ich vermisse ihn.
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